Wir denken an Euch:
die Ihr bis zuletzt gehofft habt, dass es keinen Einmarsch und keine chauvinistische Gewalt geben wird,
die Ihr in diesen Stunden in den tiefliegenden U Bahnstationen oder an ander-en hoffentlich geschützten Orten in euren Städten mit Wut und Angst verharrt,
die Ihr hier wohnt und Euch um Eure Kinder, Großeltern, Geliebten, Freund:innen in den umkämpften Gebieten sorgt,
die Ihr es nicht aushaltet, dass sich Eure Söhne zur Verteidigung Eures Landes melden,
die ihr die Welt mit Kinderaugen seht und versteht und nicht versteht,
die Ihr in unseren Städten und Dörfern unsere alten Menschen pflegt und dafür Eure eigenen Familien verlassen habt und Euch nun sorgt,
die Ihr überlegt, ob und wie Ihr Eure städtischen Wohnungen verlassen könnt,
die ihr ein weiteres mal in der Geschichte zwischen den Welten und Mächten steht und zerrieben werdet,
die ihr Euch durch Missachtung oder Gewaltandrohung gedemütigt fühlt,
die ihr Euch in fragwürdige gewaltlegitimierende Erzählungen verstrickt habt,
die Ihr nicht wollt, dass Eure Regierung in andere Länder einmarschiert,
die Ihr historisch falsche Mythen und Fakenachrichten erkennt, nicht glaubt und kritisiert,
die Ihr für diese Überzeugung auf die Strasse geht und dafür inhaftiert werdet,
die Ihr Euch in diesen Tagen an andere Grenzüberschreitungen in Euren Leben schmerzhaft erinnert,
die Ihr gerne und viel lieber den Kopf und das Herz und das Geld frei haben möchtet, um Musik zu machen oder zu hören, Gedichte zu schreiben, Fußball zu spielen, Schminke und schöne Kleider zu kaufen, gutes WLAN für Computer-spiele und social media haben, Bücher zu schreiben, zu beten oder essen zu gehen.
Dorothee Schaper
am 25.2. 2022 Tag 2 des Einmarsches russischer Soldaten in die Ukraine