Es ist eine Sensation. Rund 80 orthodoxe Rabbiner aus verschiedenen Ländern fordern die israelische Regierung auf, der Hungersnot in Gaza, der Gewalt auch im Westjordanland ein Ende zu bereiten. Diese Rabbiner, die sich selbst als treueste Unterstützer Israels bezeichnen, sprechen auf einmal, wie es die Organisation „Rabbis for Human Right“ schon seit Jahren tut: „Dieser Moment erfordert eine andere Stimme – eine Stimme, die in unseren tiefsten jüdischen Werten verwurzelt ist und von unserer traumatischen Geschichte als Opfer von Verfolgung bestimmt wird.“ Vier Oberrabbiner haben unterschrieben: Rabbi Michael Schudrich (Polen), Rabbi Michael Melchior (Norwegen), Rabbi Jair Melchior (Dänemark) und Rabbi David Rosen (ehemaliger Oberrabbiner von Irland), vollständige Liste aller Unterzeichner und der Originaltext unter: https://zenit.org/2025/08/21/dozens-of-orthodox-rabbis-speak-out-against-settler-violence-and-gazas-humanitarian-crisis/
Die humanitäre Krise im Gazastreifen ist eine der schwersten in der jüngeren Geschichte. Sie begann zwar mit dem schrecklichen Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 – einer brutalen Tat, die zu Recht eine starke militärische Reaktion und die Forderung nach Freilassung der Geiseln nach sich zog –, doch entbindet dies die israelische Regierung nicht von ihrer Mitverantwortung für das tiefe Leid der Zivilbevölkerung in Gaza.
Die Hamas hat durch ihr Vorgehen wiederholt gezeigt, dass sie das Leben der Menschen, die sie angeblich vertritt, zynisch missachtet, indem sie Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt und Waffenstillstandsvorschläge ablehnt. Jedoch hat die nun schon fast zwei Jahre andauernde Militäraktion Israels Gaza verwüstet. Die Zahl der Todesopfer steigt, und Israels Einschränkung der humanitären Hilfe, die zeitweise sogar die Einfuhr von Lebensmitteln und medizinischen Hilfsgütern vollständig unterbindet, lässt das Schreckgespenst einer Hungersnot aufkommen.
Wir bekräftigen, dass die Sünden und Verbrechen der Hamas die israelische Regierung nicht von ihrer Verpflichtung entbinden, alle notwendigen Anstrengungen zu unternehmen, um eine Massenhungersnot zu verhindern. Es gab Monate, in denen Israel humanitäre Konvois unter der falschen Annahme blockierte, dass zunehmendes Leid die Hamas zur Kapitulation zwingen würde. Stattdessen hat sich die Verzweiflung weiter verschärft. Die berechtigte Wut auf die Hamas hat sich durch einige Extremisten gefährlich zu einem pauschalen Verdacht gegenüber der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens – einschließlich der Kinder – ausgeweitet, die als zukünftige Terroristen gebrandmarkt werden.
Unterdessen hat die Gewalt extremistischer Siedler in Yehuda und Shomron (Westjordanland) dazu geführt, dass durch die Ermordung von Zivilisten und die Vertreibung palästinensischer Dorfbewohner aus ihren Häusern, wodurch die Region weiter destabilisiert wurde.
Inmitten dieser Verwüstung hat das Fehlen einer klaren Nachkriegsvision von Premierminister Netanjahu es den extremsten Stimmen in der israelischen Regierung – darunter Minister aus der religiös-zionistischen Gemeinschaft – ermöglicht, das Vakuum mit verstörenden Vorschlägen zu füllen. Dazu gehören das erzwungene „freiwillige“ Exil der Palästinenser aus dem Gazastreifen und die Opferung der verbleibenden israelischen Geiseln im Streben nach einem schwer fassbaren „vollständigen Sieg“.
Dieser Moment erfordert eine andere Stimme – eine Stimme, die in unseren tiefsten jüdischen Werten verwurzelt ist und von unserer traumatischen Geschichte als Opfer von Verfolgung bestimmt wird. Das orthodoxe Judentum trägt als einer der treuesten Unterstützer Israels eine einzigartige moralische Verantwortung. Wir müssen bekräftigen, dass die jüdische Vision von Gerechtigkeit und Mitgefühl sich auf alle Menschen erstreckt.
Unsere Tradition lehrt uns, dass jeder Mensch b’tzelem Elokim – nach dem Ebenbild Gottes – geschaffen ist. Wir sind die spirituellen Nachkommen Abrahams, auserwählt, auf dem Weg Hashems zu wandeln, „Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (Bereshit 18:19). Ein ganzes Volk hungern zu lassen, steht in krassem Gegensatz zu dieser Lehre. Wenn wir über Tisha B'Av nachdenken, klingen die Worte unserer Propheten mit neuer Dringlichkeit. Die Haftara von Schabbat Chazon erinnert uns: „Zion wird durch Recht erlöst / und die zu ihr umkehren durch Gerechtigkeit.“ (Jeschaja 1:27). Und am Morgen von Tisha B'Av hallt die Stimme Jeremias in unseren Gebeten wider: „Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, (…) wer sich rühmen will, rühme sich dessen, / dass er Einsicht hat und mich erkennt, nämlich dass er weiß: Ich, der HERR, bin es, / der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit wirkt. Denn an solchen Menschen habe ich Gefallen - / Spruch des HERRN. (Jeremia 9:23)
Dies sind nicht nur poetische Formulierungen, sondern dies ist die Grundlage unserer ethischen Verpflichtung, eine Politik zu fordern, die die Menschenwürde wahrt, die humanitäre Hilfe leistet, wo immer dies möglich ist und um unsere Stimme zu erheben, wenn die Handlungen unserer Regierung den moralischen Geboten der Tora widersprechen, egal wie schmerzhaft es auch sein mag, dies zu akzeptieren.
Die Zukunft Israels hängt nicht nur von seiner militärischen Stärke ab, sondern auch von seiner moralischen Klarheit. Lasst uns lautstark für Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit und Frieden für alle Menschen eintreten – auch und gerade in den schwierigsten Zeiten.
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